15.06.2026
Erfahrungsbericht von Lukas zum Auslandssemester an der Edith Cowan University
Lukas war 2025 für ein Auslandssemester an der Edith Cowan University. „Niemals hätte ich gedacht, dass ich so viele tolle Freundschaften finden würde, solche Selbstsicherheit gewinnen könnte und so selbstständig ein Zuhause am anderen Ende der Welt' finden würde.“

Universität im Ausland: Edith Cowan University
Universität in Deutschland: Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
Studiengang in Deutschland: Bildende Kunst
Belegte Kurse im Auslandssemester:
- Foundations of Art Practice 2
- Painting
- Design Thinking
Vorbereitung: Erzähle uns von der Vorbereitung deines Auslandssemesters und warum du dich für deine Uni entschieden hast
Mein Traum nach Australien zu reisen kam schleichend und wurde mit der Zeit immer größer – schon Ende 2023 spürte ich ein wachsendes Interesse für das „Land am anderen Ende der Welt“, obwohl ich mir ein Auslandssemester dort noch lange nicht vorstellen konnte. Mir schien so eine große Reise nur in der Fantasie möglich und trotz meines Fernwehs und großer Neugierde, traute ich es mir nicht zu, so weit weg von zuhause zu ziehen. Mein ganzes Leben kannte ich mich als eher schüchternen Menschen, aber wusste unterbewusst trotz aller Ängste, dass es Zeit für einen Sprung ins kalte Wasser war. Ich dachte mir, etwas Recherche schadet nie und begann mich über die Website von Gostralia!-GOmerica! zu informieren, die ich über das International Office meiner Hochschule gefunden habe. Irgendwann nahm ich dann an einem ihrer Online-Seminare teil, erkundigte mich per Mail bei der lieben Katharina und traf mich etwas später mit ihr im Stuttgarter Gostralia!-GOmerica!-Büro, wo sie mir viele Unsicherheiten genommen hat. Obwohl sich die Menge an Informationen zunächst etwas überfordernd anfühlte, war ich gut bei Gostralia!-GOmerica! aufgehoben und wurde mit Checklisten, freundlichen E-Mails und der umfänglichen Website durchgängig an der Hand genommen. Mit der Erleichterung, dass all diese Schritte so einfach zugänglich und unverbindlich waren, konnte ich mich entspannt ins Auslandssemester reinfuchsen. Das ging so lange weiter, bis ich wusste, dass es keine bloße Fantasie mehr war. Ich würde nach Australien reisen und mich den Herausforderungen stellen. Schon allein die Aufregung und Vorfreude hat mir über Monate hinweg jede Menge Antrieb für die nächsten Schritte gegeben.
Bei der Wahl der Stadt habe ich zunächst auf Faktoren wie Größe, Lage und Klima geschaut. Kombiniert mit der Liste an Unis, die vom Preis, Studienangebot und den Semesterzeiten in Frage kamen, blieb mir eine engere Auswahl. Diese war für mich als Kunststudent von Anfang an etwas reduziert, da nicht alle Unis mit Kunst im Profil auch tatsächlich „visual arts“ Kurse anbieten, sondern häufig eher darstellende Künste. Nachdem ich viel gegoogelt, gelesen und auf Maps geforscht habe, entschied ich mich letztendlich für das sonnige Perth und die Edith Cowan University, die günstigere Semestergebühren hat und wofür ich glücklicherweise ein Gostralia!-GOmerica!-Teilstipendium bekam. Aber auch ohne Stipendium sind Perth und Westaustralien als neues Zuhause und Reiseziel höchst attraktiv und würde ich auf jeden Fall wieder wählen. Mit Nähe zum Meer, den schönsten Stränden Australiens, vergleichsweise wenig Tourismus, modernem aber ruhigerem Großstadtfeeling, faszinierender Natur um Perth herum und einem guten öffentlichen Verkehrsnetz sind hier alle Wünsche erfüllt, worauf ich später im Detail eingehe.
Beim Planen stand als Nächstes die Absprache mit meiner Kunstakademie an, wo als Freemover ohne Hochschulkooperation etwas mehr Eigeninitiative gefragt ist als bei geregelten Erasmus Programmen. Auch die Wahl des Semesters hat ein paar Pro-Contra-Listen gebraucht, da die Semesterzeiten in Australien anders sind als die deutsche Aufteilung in Winter- und Sommersemester. Bei mir hat sich das Semester 2 in Perth von Juli bis November gut angeboten, um möglichst wenig vom vorherigen Semester zuhause zu verpassen, aber möglichst vollständig dem deutschen Winter zu entkommen. Als Sommerliebhaber würde ich mich auch immer wieder so entscheiden, weil man dann zwar im australischen Winter startet, dafür aber den Frühling mitnimmt und im Sommer Semesterferien hat.
Die Bewerbung selbst lief sehr leicht durch Gostralia!–GOmerica!. Zeitaufwändig war nur das Sammeln der Unterlagen, die Kurswahl der ECU, die Suche nach Stipendien und sonstige Kleinigkeiten wie das Beantragen eines neuen Reisepasses, was aber alles leicht zu erledigen war. Mit der Bewerbungsannahme nach kurzer Zeit, folgte u.a. die finale Zusage an die ECU, das Finden einer Auslandskrankenversicherung, die Flugbuchung und der Visumsantrag, wobei ich mich für ein Working Holiday Visum entschieden habe. Damit darf man ein Semester lang studieren und muss etwas weniger bezahlen als für das Studentenvisum, allerdings habe ich damit auch die einmalige Chance für ein Working Holiday in Australien aufgebraucht. Rückblickend habe ich diese Entscheidung an manchen Tagen bereut, allerdings hat mir das auch ermöglicht nach dem Semester länger/flexibler zu reisen, wovon ich am Ende noch mehr erzähle.
Die letzten Monate und Wochen vor dem Flug sind selber wie im Flug vergangen. Sie waren im gesamten Vorbereitungsprozess am stressigsten, da am Ende noch einige organisatorische Sachen zu erledigen waren und auch einiges von meiner deutschen Kunstakademie dazukam, wie es zum Semesterende üblich ist. Atelier in Stuttgart ausräumen, eine Wohnung in Perth finden (in meinem Fall im Studentenwohnheim), eine Kreditkarte mit guten Auslandskonditionen beantragen, das Enrolment in meine Kurse, mich mit der ECU und deren Online-Diensten vertraut machen, Koffer packen und die ersten Tage in Perth planen kam alles in kurzer Zeit zusammen und war an manchen Stellen überfordernd, aber machbar. Auch emotional war ich im Juli noch nicht ganz bereit um vorübergehend Abschied zu nehmen von Freunden, Familie und meinem Alltag in Deutschland, allerdings ist man nie 100 % bereit, was das Abenteuer schließlich ausmacht. Ich habe allein schon in der Planung fürs Auslandssemester gemerkt, dass man mehr schafft, als man denkt, wenn man einfach irgendwo anfängt und sich Schritt für Schritt vorarbeitet. Und bevor ich es wirklich realisieren konnte saß ich im Flugzeug auf dem Weg zur bisher besten Zeit meines Lebens.
Uni und Campus: Wie hat dir die Uni gefallen? Wie waren die Kurse, die du belegt hast? Was hast du sonst auf dem Campus unternommen? Hast du Tipps, wie man am besten andere Studierende kennenlernt?
In Deutschland hatte mein Semester gerade erst aufgehört und in Perth begann direkt am ersten Tag nach meiner Ankunft das nächste Semester mit den Orientation Events. Trotz Jetlag und Regen war ich seit dem ersten Augenblick begeistert von der Edith Cowan University, die uns auf lustige, interaktive Weise von Schauspiel Student:innen der WAAPA-Fakultät (performing arts) präsentiert wurde. Ich war positiv überrascht, wie viel Wert darauf gelegt wurde jeden einzelnen Studi abzuholen, mit großem Verständnis für jede mögliche Lebenssituation. Nicht nur bei dieser Begrüßungsveranstaltung, sondern auch im Verlauf meines gesamten Semesters hatte ich ständig gemerkt, dass das Wohlergehen und individuelle Erlebnis der Studierenden immer im Mittelpunkt steht. Von akademischer Unterstützung bis hin zu psychologischer Beratung und unzähligen Ansprechpersonen gibt es alles. Mit gratis Essen und haufenweise Willkommens-Geschenken konnten wir uns danach gegenseitig kennenlernen, wo ich den schönsten Kulturschock erleben durfte: Alle Leute um mich herum waren so offen, freundlich und hilfsbereit, wie ich es selten zuvor erlebt habe. Die große Menge an internationalen Kommiliton:innen hat es zusätzlich leicht gemacht sich als Austauschstudent zu integrieren. Passend zu den Werten, die die ECU vermittelt, spürte ich seit diesem Tag eine angenehme, friedliche und respektvolle Atmosphäre auf dem Campus, für die sich die Angestellten aktiv einsetzen. Obwohl der Mount Lawley Campus nach diesem Semester vom frisch gebauten City Campus abgelöst wird, der mittlerweile mit seinem riesigen, hochmodernen Gebäude der Protagonist des Stadtzentrums ist, muss ich trotzdem erwähnen, wir schön auch der alte Campus war. „Alt“ trifft dabei gar nicht zu, da er weiterhin sauber, neu und modern wirkte. Mit dutzenden bunten Gebäuden, Pflanzen wie aus einem botanischen Garten, gut ausgestatteten Räumen, einer großen Bibliothek und zahlreichen Sitz-/Essgelegenheiten, war es jedes Mal eine Freude dort zu sein. Auch den größeren, etwas abgelegeneren Joondalup Campus habe ich für ein Orientation Event besucht und war gleichermaßen beeindruckt. Die genannten Orientation Events bieten sich super an, um die Uni, Fakultäten, Bibliothek etc. kennenzulernen aber auch um eine Einführung in die Stadt, Kultur und Aboriginal Geschichte Australiens zu bekommen und um Freunde fürs ganze Semester (und länger) zu finden.
Ebenso gut empfangen wurde ich auch vom Studentenwohnheim, das 5 Minuten von meinen Seminar-/Atelierräumen entfernt war und ähnlich schön bepflanzt und gepflegt ist wie der Campus. Genau wie an der ECU herrscht hier eine tolle, transparente Kommunikationskultur, wo man wesentlich mehr eingewiesen, informiert und an der Hand genommen wird als ich es zuvor kannte. Ich kann es sehr empfehlen sich für das Auslandssemester ein Zimmer im Studentenwohnheim zu mieten, weil es in meiner Erfahrung günstiger ist als die meisten privaten WG’s und eben auch Hand in Hand mit dem Unicampus funktioniert. Man ist ständig unter Gleichgesinnten und jede Woche werden gratis Essen und Veranstaltungen organisiert, bei denen ich einige tolle Leute kennengelernt habe. Gerade die Studis, die auch für ein Auslandssemester in Perth sind, teilen sich dort nicht nur die Adresse, sondern auch die gleiche Situation und überraschend ähnliche Vorgeschichten, was schnell zu engen Freundschaften führt. Eher als mit Menschen, die permanent in Australien leben, verbindet die internationalen Studis oft auch der gleiche Reisedrang, was sich super anbietet um später gemeinsame Abenteuer oder Roadtrips zu unternehmen.
Mit Australier:innen habe ich mir statt der Reisen und „Touristen“-Aktivitäten hauptsächlich meine Uni Kurse geteilt. Trotz erster Sorgen hatte ich auch hier sehr gute Erfahrungen. Sobald ich erstmal meine Schüchternheit überwunden hatte, bin ich richtig ins Rollen gekommen und habe mich selber ganz neu erlebt. In einer anderen Sprache in einem anderen Land Freunde zu finden passierte dann wie von selbst, und ist natürlich auch meinen lieben Kommiliton:innen zu verdanken. In kunstpraktischen bzw. kreativen Kursen finde ich es wesentlich leichter neue Kontakte zu knüpfen, da man in kleineren Gruppen auf einer persönlicheren Ebene zusammenarbeitet. Auch Seminare mit Gruppenarbeiten kann ich empfehlen, um Freundschaften aufzubauen, wie ich es bei meinem Designkurs machen konnte. Ich habe die australischen Studis als sehr freundlich, genügsam und hilfsbereit erlebt. Auch wenn die Stimmung am Anfang des Semesters etwas zurückhaltender war, haben sich alle mit der Zeit immer mehr geöffnet und vor allem mein Malereikurs war am Ende des Semesters wie eine große Freundesgruppe.
Formell waren die drei Kurse, die ich belegt habe viel schulischer als ich es von meiner deutschen Hochschule kenne, die als Kunstakademie sowieso nur schwer mit typischen Unis vergleicht werden kann. Für mich war vor allem überraschend, dass ich für jeden der Kurse eine Art Lerntagebuch führen musste, regelmäßig „Hausaufgaben“ bekam und auch unter dem Semester verteilt benotete Abgaben hatte. Der Lernprozess war insgesamt einiges kontrollierter und strukturierter, während zuhause mehr auf Eigeninitiative und Selbstständigkeit gesetzt wird. Dadurch war der Wechsel der Systeme etwas gewöhnungsbedürftig aber gerade für das Auslandssemester bin ich dankbar, dass mir die klarere Struktur der Kurse eine Routine und Halt gegeben hat. Dieser Aufbau hängt evtl. damit zusammen, dass all meine Kurse eher für jüngere Semester ausgelegt waren, die natürlich mehr Anleitung brauchen. Besonders schwierig fand ich die Kurse zusammenfassend nicht, sondern nur zeitaufwändiger als was ich gewöhnt war. Deswegen würde ich davon abraten noch einen vierten Kurs zu machen, damit man unter der Woche noch etwas Zeit für Freunde und Abenteuer hat.
Foundations of Art Practice 2 (VIS1815) ist der erste meiner Kurse und diente als Art Einstieg in die kunstpraktische Arbeit. Aufgeteilt in drei Module und drei Profs wurde uns die Druckgrafik, Malerei und Installationskunst nähergebracht und am Ende zu einem großen Gruppenprojekt vereint. Neben praktischen Atelier-Einheiten, gab es jede Woche Präsentationen, Texte, Diskussionen oder sonstigen Input von den Profs, die alle sehr engagiert und lieb sind. Im Vergleich zur Atelierarbeit zuhause ging es in diesem Kurs mehr um die technischen Möglichkeiten, als den individuellen künstlerischen Ausdruck, der vermutlich in aufbauenden Kursen relevanter wird. Nichtsdestotrotz gefielen mir der Abwechslungsreichtum, die neuen Perspektiven der Profs, der Austausch mit den Kommiliton:innen und auch die inhaltlichen Dimensionen mit lokalem Bezug; uns wurde der Kings Park im Herzen von Perth als Hauptthema vorgegeben, wodurch wir in der künstlerischen Forschung automatisch auch der Stadt und ihrer Geschichte nähergekommen sind.
Mein Malereikurs Painting (VIS1820) spezialisierte sich im Gegensatz zum vorherigen Kurs auf ein einziges Medium: Ölfarbe. Auch hier zogen sich Präsentationen, Gruppen-Feedbackrunden und Einzelgespräche mit dem Prof durch die wöchentlichen Treffen, obwohl der praktische Anteil diesmal mehr im Fokus war. Uns wurde aufgetragen sieben Malereien im Laufe des Semesters anzufertigen, mit inhaltlicher Freiheit aber vorgegebenem Richtlinien zur Maltechnik. Sieben Bilder sind natürlich eine große Menge für ein einziges Semester, das schneller vorbeigeht, als man denkt, aber wir wurden gut vom Prof angeleitet und beraten. Er hat sich für uns alle einzeln Zeit genommen, war immer auf dem gleichen Stand wie wir und kannte sich als aktiver Künstler gut aus. Überraschend war, dass eher wenige Leute in der Klasse wirklich Kunst als Hauptfach studieren, sondern meist als Nebenfach zum Lehrberuf oder anderen Studiengängen. So hatte ich das geteilte Atelier öfter für mich allein und konnte entspannt arbeiten. Ideal war, dass wir jederzeit Zugang zum Gebäude hatten. Ich würde diesen Kurs zweifellos nochmal wählen und hab einiges daraus mitgenommen: neue technische Kenntnisse, Kunst-Tipps vom Prof, neue Meinungen aus Gruppengesprächen, sieben Malereien und zwei meiner besten Freundinnen in Perth.
Meine dritte Kurswahl Design Thinking (DES1620) war zur Abwechslung kein Kunstkurs. Das wöchentliche Seminar war weniger gestalterisch und technisch, und wurde begleitet von kurzen Vorlesungsvideos. Angeleitet wurden wir von einem motivierten und lustigen Dozenten, der selber in der Designbranche arbeitet und spürbar für das Thema brennt. Wie der Name des Kurses andeutet, ging es inhaltlich um den Ablauf von Designprozessen mit Fokus auf die Nutzerforschung, Problemdefinition und vorbereitende Recherche, die ein gutes Design ausmacht – weniger zentral ist das finale Gestalten und Designen im klassischen Sinn. Ich hatte in meinem Studentenleben schon einige Design-Vorlesungen und einzigartig an diesem Kurs war vor allem der Praxisbezug zu einem echten Design-Anliegen, das später auch zur Prüfungsleistung wurde. Eine australische Organisation für soziale Entwicklung hat uns dabei einen ihrer Fälle weitergegeben, mit dem wir uns über das Semester hinweg als Anwendungsbeispiel beschäftigt haben und zum Schluss mit einer Auswahl unserer Designs lösen sollten. Das hat dem ganzen Kurs eine motivierende Relevanz gegeben. Außerdem waren wir während der gesamten Zeit in kleine Gruppen gegliedert, die zwar für keine vollständigen Gruppenarbeiten vorgesehen waren, aber dafür da waren um uns generell zu beraten, unterstützen (und anzufreunden). Auch diesen Kurs würde ich empfehlen, einerseits für seine lockere, aber zielstrebige Atmosphäre, andererseits für die Inhalte wie kritisches Denken und Empathie, die übers Design hinaus für jeden Lebensbereich wichtig sind.
Prüfungen hatte ich in keinem der drei Kurse, sondern wurde für meine Zwischenabgaben, Lerntagebücher, Hausarbeiten und finalen Abgaben benotet. Die Bewertung der Kurse geschieht transparent über das Onlineportal der ECU, wo alle Anforderungen und Kriterien von Anfang an einzusehen sind und in dem ich zu meinen Noten meist auch schriftliches Feedback bekam. Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit der Uni und meinen Kursen und kann die ECU absolut weiterempfehlen.
Stadt und Umgebung: Wie hat dir deine Studienstadt gefallen? Erzähle von deinen Reisen am Wochenende oder in der Semester Break.
Westaustralien und Perth als Studienstadt waren eine großartige Entscheidung für mich. Ich hatte weniger Interesse an den größten Metropolen Sydney und Melbourne und war eher auf der Suche nach der Natur und dem entspannten Lifestyle Australiens, was ich in Perth ganz klar gefunden habe. Auch wenn es im Zentrum jede Menge Großstadtfeeling gibt mit großen Hochhäusern, lebendigen Einkaufsstraßen, moderner Infrastruktur und dem neuen ECU City Campus, ist man mit Zug und Bus bald umgeben von der faszinierenden australischen Natur. Wasserfälle, Feuchtgebiete, Wüsten, Wälder, Nationalparks und die einzigartigen Sandstrände hat man überall um sich herum, wobei Westaustralien mit seinen „hidden gems“ den Ruf hat noch relativ unberührt zu sein. Die Stadt selbst wirkt im Vergleich zu europäischen Städten noch relativ jung, aber hat einen eifrigen Geist, wo Selbstentwicklung und Fortschritt überall zu sehen ist. Ihre Stellung als „isolierteste Großstadt der Welt“ schweißt die Menschen auf besondere Weise zusammen, auch wenn man sich im Alltag überhaupt nicht isoliert fühlt und Perth mit all seinen Vororten riesig groß ist. Nur das Fehlen der Touristenmassen fällt auf, und wenn man etwas rausfährt ist man oft ganz allein an den schönsten Stränden, die ich je gesehen habe. In meiner mid-semester break habe ich mit ein paar Freund:innen vom Studentenwohnheim einen Camping-Roadtrip durch den Südwesten Australiens gemacht, wo man in Esperance glasklares, türkises Wasser und strahlend weißen Sand findet – ein Anblick, den ich nie im Leben vergessen werde. Auch nördlich von Perth gibt es jede Menge zu sehen, weshalb wir unter dem Semester spontan eine Tour zur Pinnacles-Wüste gebucht haben und nach unseren morgendlichen Uni-Kursen mit einem Reisebus zu diesem Naturphänomen gefahren sind. Eins meiner großen Highlights war es von dort aus den Sonnenuntergang und Sternenhimmel zu sehen, der ohne jegliche Lichtverschmutzung heller geleuchtet hat als im Planetarium.
Man muss allerdings keine großen Touren buchen oder Autos mieten, um Perth zu genießen – mit den verlässlichen Zügen und dem guten Busnetz waren alle anderen Abenteuer möglich und als Student habe ich sogar 50 % beim ÖPNV gespart. Empfehlenswert ist der lebendige Kulturhotspot Fremantle mit tollen Märkten, Elizabeth Quay mit moderner Skyline, die Strände von Cottesloe oder Scarborough, der Kings Park mit einzigartiger Natur und Aussichten auf Perth, die Känguru-Reserve auf Heirisson Island (per Fußgängerbrücke erreichbar) und natürlich auch das Stadtzentrum mit Museen, Läden, öffentlicher Kunst und vielem mehr. Für Wanderungen am Wochenende bietet es sich z.B. an die Züge nach Mandurah, Rockingham oder Midland zu nehmen, wo man mehr ikonische australische Natur findet: rote Erde, Eukalyptusbäume, Kängurus, Delfine und so weiter. Die berüchtigten Mengen an Schlangen, Spinnen und Insekten kann ich glücklicherweise nicht bestätigen – am meisten hat sich die Tierwelt in Perth durch die außerirdisch klingenden Vögel und die bunten Kakadus bemerkbar gemacht, die in jeder Baumkrone lungern. Lächelnde Quokkas sieht man zwar nur auf Rottnest Island, jedoch in großer Zahl und in einer wunderschönen Landschaft, die ich sehr für einen Tagesausflug empfehle.
Die hohe Lebensqualität in Perth spiegelt sich auch in den Angeboten für Studierende wieder. Die Organisation Study Perth ist neben allen Angeboten der ECU dafür da, um Studis bei allen möglichen Angelegenheiten zu informieren und unterstützen. Sie bieten Vernetzungsmöglichkeiten, Infomaterial, Hilfe und jede Menge Geschenke an, wie zum Beispiel beim Study Perth Stand am Flughafen. Gleich bei meiner Ankunft wurde ich dort begrüßt und mit einem gratis Päckchen voller Anleitungen, Leitfäden und Andenken begrüßt. Ich fand es ziemlich leicht und reibungslos mich in die Stadt einzuleben und wurde mit offenen Armen empfangen, sodass ich Perth jetzt mit ganzem Herzen mein zweites Zuhause nennen kann.
Fazit: Erzähle uns von den Erfahrungen, die du in deinem Auslandssemester gemacht hast und wie es dich in deiner persönlichen Entwicklung weiter gebracht hat.
Zusammenfassend lief das Auslandssemester besser als ich mir je erhofft hätte und war in jeder Hinsicht ein Erfolg. Ich hatte meine Reiselust ursprünglich als Herausforderung angenommen, um aus meiner Komfortzone rauszukommen und mich etwas „abzuhärten“. Dass das ein Sprung ins kalte Wasser war steht fest, allerdings hat rückblickend alles so viel reibungsloser und angenehmer geklappt, dass ich gelernt habe nicht immer nur mit dem Worst Case zu rechnen. Auch wenn meine Resilienz an manchen Momenten des Semesters trainiert wurde, hat mir die Zeit auch Zuversicht, Optimismus und Vertrauen in mich und meine Mitmenschen gelehrt. Niemals hätte ich gedacht, dass ich so viele tolle Freundschaften finden würde, solche Selbstsicherheit gewinnen könnte und so selbstständig ein Zuhause am „anderen Ende der Welt“ finden würde. Selbst die schweren Tage haben sich erfolgreich angefühlt, da die Erfahrung insgesamt so lohnenswert war. In Australien zu sein und seinen Traum zu verwirklichen ist so faszinierendes und ungreifbares Erlebnis, dass selbst die unspektakulärsten Spaziergänge, die Sichtung jeder neuen Vogelart und sogar das Piepen der Fußgängerampeln zu einer Freude wird – man bekommt ein ganz neues Bewusstsein für das Alltägliche.
Seit dem ersten Tag an dem ich mit der Recherche für Australien begonnen hab, habe ich geübt nicht zu weit ans Ende der To Do Liste zu schauen, sondern mich möglichst nur auf die nächsten Schritte zu konzentrieren. Mit dieser Einstellung bin ich dann nicht nur in Perth gelandet, sondern habe es auch von Perth aus geschafft alleine zur Ostküste Australiens zu reisen, worauf ich am Ende genauer eingehe. Mir war von Anfang an wichtig nicht nur in Gruppen und mit Freunden Abenteuer zu erleben, sondern auch ganz alleine zurechtzukommen. Durch diese Eigenständigkeit habe ich mich selber neu kennengelernt, meinen Geschmack und Interessen erweitert und fühlte mich in meinen Entscheidungen völlig frei und ungebunden. In einer neuen Stadt, in einem neuen Land so weit weg von Zuhause hat man die Chance sich selber neu zu erfinden und verwirklichen. Das Wissen, dass man die Menschen dort nur temporär um sich hat, hat mir die Freiheit gegeben alles als großes Experiment anzusehen – auch, wenn ein Witz, ein Gespräch oder ein Kontakt mal nicht so gut geklappt hat, war es nicht weiter schlimm. Dadurch habe ich mein Verhältnis zu Fehlern wesentlich verbessert und bin offener dafür geworden aus ihnen zu lernen; sie sind die perfekte Chance für persönliches Wachstum. Keine Angst vor Fehlern zu haben ist auch die beste Weise um sein Englisch zu verbessern: einfach reden statt zu versuchen alles perfekt zu machen. Auch wenn das australische Englisch teilweise schwer zu verstehen war, nimmt die lockere australische Art, wo sich niemand zu ernst nimmt, jeglichen Druck raus einfach nochmal zu fragen was da grad gesagt wurde.
Neben den Erkenntnissen, die ich aus der gelassenen australischen Kultur mitgenommen habe, hatte ich auch das große Glück Einblicke in viele andere Kulturen zu bekommen, die in Perth zusammenkommen. Meine besten Freunde und Mitbewohner waren von überall und haben mir vom Leben in Japan, Simbabwe, Polen, Sri Lanka und auch nördlichen, abgelegenen Orten Australiens erzählt. Darunter waren einige sehr bewegende Gespräche, die mich nachhaltig geprägt haben und mir eine bessere Perspektive dafür gegeben, in was für einer Blase ich in Deutschland gelebt habe. Dabei kam gleichzeitig ein Gefühl von Verbundenheit und Zugehörigkeit, da wir trotz aller kulturellen Unterschiede auch so viele Ähnlichkeiten hatten, die für mich das Menschsein ausmachen. Umgekehrt habe ich auch ein besseres Verständnis dafür bekommen, was an mir deutsch ist und wie ich zu meinen kulturellen Einflüssen stehe. Wenn man immer in der gleichen Stadt lebt, bleibt man dafür schließlich blind und denkt das Deutsche sei die Norm. Es war erfrischend zu erfahren, dass es auch anders geht und die schwäbisch, harte Mentalität kein Muss ist. In Australien sind z.B. wertschätzende Redewendungen wie das „How are you?“ zur Begrüßung oder „Thank you“ nach jeder Busfahrt ein wichtiger Teil des Miteinanders und hat mir gut gefallen. Die Wärme des Klimas spiegelt sich offensichtlich in den Menschen von wieder.
Eine Lernsituation, die jetzt noch vor mir steht, ist es Abschied zu nehmen und mich mit dem Ende dieser wundervollen Zeit abzufinden. Allerdings habe ich genau wie bei allen anderen Sorgen während des Semesters die Gewissheit, dass man nie allein ist und ich sogar einige Freunde gefunden hab, denen es ganz genauso geht wie mir. Während ich primär für aufregende Entfernung und exotische Natur gekommen bin, waren diese Gefühle von Geborgenheit und Gelassenheit der Grund, weshalb ich meinen Aufenthalt in Australien noch ein paar Monate verlängerte und die Ostküste bereist habe, wie ich im Folgenden berichten werde.
Sonstiges: Hast du uns noch mehr zu berichten? Wir freuen uns über jede Story.
Nachdem das Semester an der ECU aufgehört hat, blieben mir dank des Working Holiday Visums noch einige Monate Zeit, um noch mehr von Australien zu sehen. Das war ursprünglich nicht der Plan, aber da mir die Zeit in Westaustralien so gut gefallen hat, verschob ich meinen Rückflug nach Deutschland (was bei Qatar Airways im Student Club gratis geht) und plante mein nächstes Abenteuer. So eine Solo-Reise hätte ich mir vor dem Auslandssemester sicher nicht zugetraut, rückte aber nach den neuen Erfahrungen in greifbare Nähe. Mit Bussen ist man entlang der gesamten Ostküste flexibel unterwegs und auch Inlandsflüge sind eine gängige Transportmöglichkeit in Australien.
Gestartet habe ich mit dem tropischen Cairns, dem Daintree Regenwald und dem Great Barrier Reef. Dort zu schnorcheln war wirklich faszinierend und kommt weit oben auf die Liste meiner Highlights. Allerdings muss man bei Reisen im australischen Norden immer beachten, wann die Regensaison beginnt und endet, da ich ihr nur knapp entkommen bin. Nach einigen Zwischenstopps und längeren Busfahrten als man denkt, kam ich dann in Brisbane an. Auch hier hätte ich mir gut ein Auslandssemester vorstellen können, da es eine sehr saubere, grüne und moderne Großstadt ist. Zum Jahreswechsel war ich anschließend in Sydney und habe das berühmte Feuerwerk über der Harbour Bridge und dem Opernhaus gesehen. Neben der schönen, verhältnismäßig alten Stadt kann ich auch die anliegenden Blue Mountains wärmstens empfehlen, die nur zwei Stunden mit dem Zug entfernt sind (wenn man sich an die australischen Proportionen gewöhnt, werden zwei Stunden fast zum Katzensprung). Hier bekommt man als Abwechslung zum Surfer-Lifestyle eine ganz andere Seite von Australien mit: wunderschöne Berglandschaften mit tollen Wanderwegen, Wasserfällen und dem schönen Städtchen Katoomba.
Ein weiterer großer Reiz des Landes ist natürlich das Outback im Red Centre, wo ich von Melbourne aus hingeflogen bin. Der Uluru – mit eigenem Flughafen in Yulara – ist ein klarer Favorit und ließ sich super durch eine mehrtägige Reisegruppe erkunden. Im roten Sand unter dem Sternenhimmel zu campen und tagsüber die Kata Tjuta Felsgruppe oder den Kings Canyon zu besuchen war eine unvergessliche Erfahrung. Wir haben hier auch einiges über die Aboriginal Völker gelernt, deren Stimmen mit der Zeit immer präsenter werden und unbedingt gehört werden müssen, um Australien richtig kennenzulernen. Nach über 20 Stunden Busfahrt war ich dann endlich unten in Adelaide angekommen, was mir auch überraschend gut gefallen hat und eine freundliche Atmosphäre ausstrahlt.
Nach der Reise hat sich meine Begeisterung von Australien vervielfacht und ich fühle mich in meiner persönlichen Entwicklung gestärkt. Es war nicht immer leicht ganz alleine zu reisen, in ungepflegten Hostels zu schlafen, ohne viel Privatsphäre und Ruhe zu leben und alle paar Tage sein Umfeld zu wechseln, aber insgesamt habe ich mich umso selbstsicherer und erfüllter gefühlt. Ich habe einige tolle Menschen kennengelernt und mit Fremden meine Tage verbracht, als wären sie meine besten Freunde. Das Schönste daran, dass ich in der ganzen Zeit kein festes Zuhause hatte, war, dass man dadurch sozusagen überall zuhause ist. Außer zum Schlafen war ich jeden freien Moment draußen und hatte nicht eine Sekunde Langeweile. In einigen Wochen habe ich mehr erlebt als in Jahren zuhause, und von den gesammelten Erfahrungen kann ich jetzt wahrscheinlich einige Zeit zehren, bis mich das Fernweh wieder packt und es hoffentlich wieder zurück geht nach Australien oder zu meinen Freund:Innen aus aller Welt.
Ich bin unfassbar dankbar für die Gelegenheit des Auslandssemesters und werde es als die soweit beste, lehrreichste und stolzeste Zeit meines Lebens erinnern, in der ich mich und meine Umwelt ganz neu kennenlernen konnte. Jetzt fühle ich mich offener, sicherer in mir und meinen Werten, selbstständiger und weiter im Leben als je zuvor. Ich möchte mich sehr herzlich bei Gostralia!-GOmerica! bedanken, die mich mit ihrem Stipendium stark unterstützt haben und mit ihrer Beratung und Unterstützung hilfsbereit an meiner Seite standen – Ihr habt mir eine Erfahrung möglich gemacht, die ich jedem nur empfehlen kann. Auch wenn es am Anfang möglicherweise unheimlich wirkt, bezeuge ich, dass sich der Sprung in kalte Wasser absolut lohnt und mit allen Höhen und Tiefen unglaublich wertvoll ist.











